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1991/12/31 Soziologisches Numbercrunching
DIR Als Nebeneffekt des gesteigerten Datenschutzbewußtseins wird es für die traditionellen Zahlenklauber unter den Sozialwis...

Als Nebeneffekt des gesteigerten Datenschutzbewußtseins wird es für die traditionellen Zahlenklauber unter den Sozialwissenschaftern immer schwieriger, billiges Datenmaterial für ihre Statistikprogramme zu erhalten.

Szene 1:

"Liebe Kinder! Ich habe hier ein Formular, gebt das bitte den Eltern und bringt es ausgefüllt wieder in die Schule zurück." Sprach's der Herr Professor, die Frau Professor, einige Tage später ging's ans Absammeln. Das Formular enthielt Fragen folgender Art: "Haben Sie Fließwasser in der Wohnung?","Welche Form von Strafen halten Sie für wirkungsvoll?" Antwortmöglichkeit u.a.: isolieren, einsperren _ sehr gut, wenig, gar nicht (zutreffendes ankreuzen).

Das Formular war kein Formular, sondern ein "statistischer" Erhebungsbogen, der "anonym" auszufüllen war, dessen Ausfüllung "freiwillig" war und überhaupt nichts mit der Schule zu tun hatte. Doch das alles "vergaß" der Lehrer dazuzusagen. Die famosen Sozialwissenschafter hofften natürlich, bei einemFragebogen, verteilt von einer Person mit disziplinärer Autorität (in diesem Fall der Lehrer), mehr und ausführlichere Antworten zu erhalten, als bei einer Meinungsbefragung vor dem Schultor oder bei einer Haustürbefragung.

Die befragten Eltern zerfielen in drei Gruppen:

a) Der freudige Auskunftgeber: Jener Personenkreis, der gerne und überall Auskunft über sein Privatleben gibt. Dadurch daß er um seine Meinung und über sein Verhalten befragt wird, fühlt er sich wichtig. Über die Beweggründe und Entstehungsgeschichte eines derartigen eigentümlichen Verhaltens sollhier nicht reflektiert werden. Ergebnis: Dieser Personenkreis benötigt keine disziplinäre Autorität, diese Personen würden auch bei freiwilligen Meinungsumfragen mitmachen.

b) Der gelernte Österreicher: Jener Personenkreis, der durch viele (leidvolle) Erfahrungen zum Schluß gekommen ist, lieber den Schein des Mitmachens aufrecht zu erhalten, als offen seine persönliche Einstellung bekanntzugeben. Ergebnis: Dieser Personenkreis füllt derartige Fragebögen nur unter demZwang einer disziplinären Autorität aus. Nachteil für den Sozialwissenschafter: Um sich noch den Schein der Eigenständigkeit zu wahren, werden die Antworten mehr oder weniger stark verfälscht. Endergebnis: Es sind zwar ausgefüllte Fragebögen da, aber leider mit fehlerhaften Daten.

c) Der mündige Staatsbürger: Immer mehr Menschen, unter anderem auch angeregt durch die Datenschutzdiskussion, halten sich an den Grundsatz: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." Als sinnvoll bzw. notwendig erkannte (Um)Fragen werden - richtig - beantwortet, bei den anderen Erhebungen wird dieAntwort verweigert. Ergebnis: Bei diesem Personenkreis nützt der Einsatz der disziplinären Autorität nichts, für diese Personen zählen nur fachliche (Er)Kenntnisse.

Szene 2:

"Ja, hier ist ARGE DATEN."

"Helft uns bitte, wir können keine sozialwissenschaftliche Forschung mehr betreiben!"

"?"

"Wir wollten eine Untersuchung der Berufsziele angehender Maturanten machen. Dazu wäre es notwendig gewesen, daß Lehrer in einer Maturaklasse einen Fragebogen austeilen, der an uns retourniert wird. Der Direktor hat jedoch die Verteilung aus Datenschutzgründen untersagt."

"Ich finde, da hat der Direktor richtig gehandelt."

"Das ist der Tod der Sozialwissenschaft. Wie sollen wir erfahren, was Maturanten werden wollen."

"Ja, es gibt viele interessante Fragen, die nicht beantwortet sind. Wie wäre es, einfach Fragebögen aufzulegen oder vor der Schule die Leute zu befragen."

"Wenn wir die Fragebögen nur auflegen, haben wir zu wenig Rücklauf und um sich vor die Schule zu stellen, das ist zu aufwendig."

"Haben Sie schon einmal bedacht, daß die Menschen auch ein Recht haben, vor unnötigen Fragen verschont zu werden und nicht über ihre Ziele und Wünsche Auskunft geben müssen?"

"???"

Tatsächlich funktioniert der Großteil der Meinungs- und Gesinnungsforschung nur aufgrund der mangelhaften Abgrenzung zwischen freiwilliger und erzwungener Datenerhebung. Über einen derartigen Fall aus dem Hochschulbereich, der zur Datenschutzkommission kam, haben wir mehrmals berichtet (DIR Dezember89, Juni 90, September 90). Jedes Vierteljahr, wenn das Österreichische Statistische Zentralamt seine Mikrozensuserhebung durchführt, kommen an die ARGE DATEN die gleichen Anfragen: Welche Fragen MUSS ich beantworten, welche Fragen KANN ich beantworten? Im Eifer der Erhebung ist manchenErhebungspersonen keine Drohung zu billig, um die Beantwortung ALLER Fragen zu erzwingen.

Unsere stereotype Antwort: Nur das sogenannte "Grundprogramm" MUSS beantwortet werden, das jeweilige "Sonderprogramm", das in der Regel erst die sensiblen Fragen enthält, KANN beantwortet werden.

Laut Verordnung vom 13.10.1967 (BGBl. 334/67) müssen nur folgende Fragen beantwortet werden:

"Par. 3. a) bei den Wohnungen: Größe, Ausstattung, Rechtsverhältnisse, die zu entrichtenden Leistungen; b) bei den Bewohnern: Zahl, Geschlecht, Familienstand, Alter, Stellung zum Haushaltsvorstand, Teilnahme am Erwerbsleben; c) außerdem bei berufstätigen Bewohnern (Arbeitskräften):Staatsbürgerschaft, Beruf, Stellung im Beruf, in Beschäftigung stehend, arbeitslos oder Lehrstelle suchend, Wirtschaftszweig des Betriebes, geleistete Arbeitsstunden."

Am Beispiel der Mikrozensuserhebung Juni 90 (="Einkaufsgewohnheiten") wird die unbefriedigende Erhebungspraxis des Statistischen Zentralamts deutlich.

Die MUSS-Fragen sind auf zwei getrennten Fragebögen in der oberen Hälfte angesiedelt, die KANN-Fragen in der jeweiligen unteren Hälfte. Erwartungsgemäß findet sich auf den Bögen oder den Begleitpapieren kein Hinweis auf die Freiwilligkeit der Fragebeantwortung für die jeweilige untere Hälfte derFragebögen. Da wird dann gefragt, wie oft man einkaufen geht, welche Waren gekauft werden, wann Großeinkäufe getätigt werden, ob Werbefahrten, Messebesuche oder Privatkauf als Einkaufsalternativen herangezogen werden. Auch die Entfernung zum nächsten Supermarkt wollen die neugierigen Statistikerwissen. Sicher zum Großteil mehr lästige, als sensible Fragen, trotzdem ist es unserer Meinung nach untragbar, daß die Freiwilligkeit an der Beteiligung der Erhebung nicht ersichtlich ist.

Es bleibt der Eindruck, daß sich hier eine Statistik-Stelle unter dem Schutzmantel der disziplinierenden Autorität des Staates Antworten zu erzwingen hofft, die nach dem Willen des Gesetzgebers nur auf freiwilliger Basis gegeben werden sollten.

Die Vollendung dieser bedenklichen demoskopischen Praxis liefern die Meinungsforschungsinstitute der roten und schwarzen Reichshälfte. Wußten Sie, daß diese Institute ihre Meinungsforschung mit Hilfe der staatlichen Wählerevidenzdaten planen? Von wem sie diese Daten haben? Nur einmal dürfen Sieraten _ von den Großparteien.

Unser Vorschlag: Reduzierung der Sozialforschung mittels Fragebögen und Umfragen. Die meisten der untersuchten Problembereiche ließen sich durch andere, datenschutzfreundliche Erhebungsmethoden zumindest genauso exakt analysieren. Zählungen und Umfragen würde, auf ein notwendiges Maß reduziert, vonder Bevölkerung eher akzeptiert werden.




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